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Manchmal trifft man im Leben Menschen, von denen man schnell weiß, dass man sie gerne zum Freund gewinnen möchte. Henrik Enderlein war für mich so ein Mensch.

Gute fünf Jahre durfte ich mit ihm im Kuratorium der Alfred Herrhausen Gesellschaft (AHG) zusammenarbeiten. Ich durfte auf ihn als meinen Stellvertreter für den Vorsitz zählen. Durfte seine klare Analyse, seine konstruktive Kritik und seine pointierten Formulierungen als Start- und Reibungspunkt nehmen für Vorschläge zu strategischer Ausrichtung und gesellschaftlichem Beitrag der Gesellschaft. Durfte gewiss sein, dass er das Team der Alfred Herrhausen Gesellschaft auch abseits der Sitzungen stets mit Rat und Tat unterstützt.

Wie auch anderswo – sei es als Präsident der Hertie School, als Gründungsdirektor des Jacques Delors Institutes oder als vielfach geschätzter Kommentator und deutsch-französischer Brückenbauer – leitete Henrik Enderlein seine Begeisterung für das europäische Projekt. Dabei hatte er – bei allem Gestaltungswillen – stets das Realisierbare im Blick. Den gedanklich großen Wurf, die Vision, hat er nur im kleinen Kreis geteilt. Aber sein beständiges Bohren dicker Bretter bezeugt, dass er daran geglaubt hat, dass die europäischen Staaten im globalen Kontext einer US-China Konfrontation allein über die Vertiefung ihrer Union ihre Souveränität bewahren und neu definieren können.

Bei den zahlreichen Nachrufen über sein erfülltes und gleichzeitig so unerfülltes berufliches Leben steht somit zurecht seine tiefe europäische Überzeugung im Vordergrund. Eine Überzeugung, die wir teilten, auch wenn wir von unterschiedlichen Blickwinkeln kamen. Er, überzeugt von dem längerfristigen Primat politischer Integration, ich, von der kurzfristigen Notwendigkeit der Integration der Kapitalmärkte.

Es gab aber noch ein zweites Thema, das uns beide sehr beschäftigte und welches auch in unserer gemeinsamen Arbeit bei der AHG Niederschlag fand: die abnehmende Bereitschaft und Fähigkeit unserer Gesellschaft zum kritischen Diskurs mit abweichenden Meinungen. Es ist ein Phänomen, welches insbesondere den so notwendigen Dialog zwischen den Generationen stark gefährdet. Dabei ist – gerade vor dem Hintergrund der weitreichenden Umbrüche, welche Digitalisierung, demographische Entwicklung und die Bekämpfung des Klimawandels mit sich bringen – eine offene und kritische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Meinungen wichtiger denn je. In ihrer Veröffentlichung ‚Weiter. Denken. Ordnen. Gestalten‘ aus dem Jahr 2019 hat die AHG unterschiedliche Perspektiven auf die Fragen unserer Zeit im Sinne Alfred Herrhausens zusammen gebracht. Die Serie WeiterDenken 20xx nimmt die Erfahrung der Corona Pandemie zum Anlass, den kritischen Diskurs fortzusetzen und dabei insbesondere junge Menschen zu Wort kommen zu lassen. Auch diese Form von Brücken bauen war Henrik Enderlein ein besonderes Anliegen. Das Team der AHG wird alles dafür tun, in seinem Einsatz für Europa und für eine robuste offene gesellschaftliche Diskussion den hohen Ansprüchen Henrik Enderleins weiterhin gerecht zu werden.

Dr. Paul Achleitner,  Vorsitzender des Kuratoriums der Alfred Herrhausen Gesellschaft